Orthopädische Einlagen nach Jahrling werden häufig als Gegensatz zur klassischen Einlagenversorgung dargestellt. Doch tatsächlich sind sie nur das Ergebnis der konsequenten Weiterentwicklung der Versorgungsmethode, die durch Lothar Jahrling Anfang der 90er angestoßen wurde. Erkenntnisse aus den Bereichen der Biomechanik, der Neurophysiologie und eines physiotherapeutischen Behandlungskonzepts untermauerten die Notwendigkeit über bestehende Einlagentechniken nachzudenken und deren Ansätze in Zusammenarbeit mit Ärzten und Physiotherapeuten, im Hinblick auf den Einfluss auf das sensomotorische System, weiter zu optimieren. Das sich stetig weiterentwickelnde Resultat ist eine Versorgungstechnik, die nicht mehr das „Stützen, Führen, Betten“ fokussiert, sondern über eine gezielte Manipulation des Fußes als „sensorisches Organ“ eine Reaktion der Bewegungssteuerung provozieren will. Dieses Ziel soll einerseits durch eine Umorientierung der Rückfußstellung als auch durch eine direkte Beeinflussung plantarer myofaszialer Strukturen im Mittel- und Vorfuß verfolgt werden. Die differenzierte Einwirkung auf die knöcherne und myofasziale Situation geht mit veränderten (Re-) Afferenzen einher und stellt somit eine „Störgröße“ im Regelkreis der Bewegungskoordination (vgl. Meinel&Schnabel, 1998) dar. Diese veränderten Afferenzen werden supraspinal integriert und fordern eine Adaptation der Bewegungssteuerung. Bleibt das System dieser gleichbleibenden Störgröße (footpower-Einlage) für einen bestimmten Zeitraum ausgesetzt, kommt es, abhängig von der individuellen motorischen Lernkapazität, zu einer Übernahme der Adaptation zu einem neuem im Kleinhirn abgespeicherten Bewegungsprogramm.
Relief mit individuell platzierten und geformten Pelotten
Die Mittel sind individuell platzierte Funktionselemente (Pelotten) am Fuß, die in Ihrer Form und Ihrer Kombination patientenspezifisch und individuell ausgearbeitet werden und direkt oder indirekt auf das muskuloskelettale System einwirken:
Die hintere, mediale Pelotte korrigiert den Rückfuß aus einer Valgusstellung und richtet das Fersenbein aus der Pronation auf. Sie wirkt mit ihrem höchsten Punkt unterhalb des Sustentaculum tali. Durch eine exakte, individuelle, handwerkliche Anpassung dieser Pelotte werden bewegungshemmende Einflüsse auf angrenzende Gelenkflächen (Talonavikulargelenk und Naviki Cuneiforme Gelenk) oder Funktionseinschränkungen umliegender Strukturen (Ursprung vom m. abductor hallucis, Plantaraponeurose) ausgeschlossen. Die hintere mediale Pelotte soll über das sensomotorische System durch ständige Wiederholung optimierter Bewegungsabläufe die medial stabilisierende Längswölbungsmuskulatur trainieren.
Die hintere, laterale Pelotte korrigiert den Rückfuß aus einer Varusstellung und richtet das Fersenbein aus der Supination auf. Sie wirkt mit ihrem höchsten Punkt im direkten Verlauf unterhalb des Außenknöchels. Es ist darauf zu achten, dass die Beweglichkeit des Calcaneocuboidalgelenks nicht blockiert und auch lateral voll erhalten bleibt. Die punktuelle Aufrichtung im Rückfuß wirkt sich auch auf die lateral stabilisierende Gelenkmuskulatur aus.
Die Retrocapitalpelotte ist als eine Art Stufe mit ihrem höchsten Verlauf direkt hinter den Mittelfußköpfchen 2 – 4 lokalisiert. Sie dient als mechanisches Widerlager im Vorfuß und gewährt bei funktionell beweglichem Rückfuß eine Spannungszunahme auf die kurzen plantaren Fußmuskeln. Eine individuelle Anpassung dieser Pelotte ist von Bedeutung, da weder Druck auf die Mittelfußköpfchen noch auf die proximalen Muskelbäuche ausgeübt werden darf. Nur die Endzügelungen der Sehnenausläufer dürfen „tangiert“ werden. Durch diese „Vordehnung“ der kleinen Fußbeuger lässt sich eine zentralnervöse Antwort im Sinne einer Spannungsreduktion beobachten. Über myofasziale Verbindungslinien kann dieser Effekt weiterlaufend bis hin zum Triceps surae, den Ischiocruralmuskeln sowie dem Erector spinae erwartet werden.
Der Zehensteg wird exakt unter den Zehenbeeren passgenau geschliffen. Er verstärkt in Kombination mit der Retrocapitalpelotte die Vordehnung auf die kurzen plantaren Fußbeuger und somit die sensomotorische Antwort. Über den Zehensteg kann auch eine Verbesserung der Koordination erreicht werden. Die deutliche Repräsentation der Zehen im Homunkulus zeigt das Potential, über eine mechanische Beeinflussung der Zehen das somatosensorische System zu stimulieren.